Lange Zeit war der Seehecht für mich und uns ein Phantom. Ein Gerücht. Ein Fisch, von dem man in Flatanger immer hörte, wenn man gerade nicht da war. "Oh, hättet ihr mal im Sommer kommen sollen!", hieß es dann, während wir im Frühjahr bei 4 Grad und Nieselregen versuchten, Dorsche und Pollack zu überreden. Da wir bisher eher die "Frühjahrs-Fraktion" waren, stand der Seehecht nie auf dem Zettel. Bis letztes Jahr. Wobei ich grad gelernt habe dass die Kollegen sogar schon ab Mai da sind…
Letztes Jahr hat es endlich geklappt. Mein erster Seehecht. Und was soll ich sagen? Der Bursche macht optisch echt was her. Wenn der das Maul aufreißt, blickt man direkt in den Abgrund. Pechschwarz. Als hätte er vor dem Biss noch schnell ein Pfund Kohle gefrühstückt oder wäre der Frontmann einer norwegischen Black-Metal-Band. Ein echter Goth-Fisch. Bad Boy Image inklusive.
Das Schöne am Seehecht-Angeln ist ja: Man muss nicht bis zum Erdkern kurbeln wie beim Leng. Man spart sich also den Muskelkater und das Gefühl, einen Anker aus dem Marianengraben zu bergen. Es ist "Tiefe light".
Aber es ist und bleibt Naturköderangeln. Und das ist ja wie Sven schon schrieb immer ein bisschen wie ein Überraschungsei für Erwachsene. Man lässt einen Fetzen runter, wartet, und weiß nie so recht, wer da unten gerade an der Tür klopft.
Und beim Seehecht ist das Klopfen speziell. Er beißt vorsichtig, fast schüchtern. Nippt mal hier, nippt mal da. Aber wehe, er hängt! Dann liefert er einen Drill, der sich gewaschen hat. Diese Kombination aus "Zupf-zupf-bist-du-noch-da?" und "BÄM-ich-reiß-dir-die-Rute-weg" hat definitiv Potential.
Da ich ja bekennender Fan von "effizienter Faulheit" bin (siehe Pollack-Angellei), habe ich direkt auf Circle Hooks gesetzt. Die Dinger sind Magie. Man muss nicht anschlagen, man muss eigentlich gar nichts tun, außer dumm gucken und warten, bis die Rute sich biegt.
Ergebnis: Aussteiger-Quote 0,0 %. Jeder Fisch hing sicher im Maulwinkel. Wenn es doch im echten Leben auch so einfach wäre. Einfach warten, bis das Glück sich selbst einhakt.
Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. Oder besser gesagt: Schleim. Denn beim Naturköderangeln gibt es diese Momente, in denen man denkt: "Oh ja, schwerer Widerstand, das muss der Meter-Seehecht sein!" (Oder ein anderer schöner dicker Fisch)
Man pumpt, man schwitzt, man freut sich auf den schwarzen Schlund... und dann kommt ER. Der Lumb.
Der Lumb ist der ungewollte Partygast, der das Buffet leerfrisst und in die Bowle kotzt. Er wickelt sich in das Vorfach, schleimt alles voll und guckt einen dabei noch vorwurfsvoll an.
Oder schlimmer: Ein Hai. Die kleinen Dornhaie sind ja ganz niedlich, aber sie raspeln einem das Vorfach durch und sorgen für Materialschwund, der jeden Angelgerätehändler jubeln lässt.
Wenn man es aber schafft, den Seehecht an den Lumbs und Haien vorbeizumogeln, wird man belohnt. Geschmacklich ist er (für mich) top. Zwar verbinde ich den Geschmack, wie hier schon erwähnt, eher mit Urlaub in Südeuropa, Paella und Weißwein in der Sonne, als mit norwegischem Fjord-Wetter…aber er schmeckt auch in NOR hervorragend. Festes, weißes Fleisch, das fast alles verzeiht.
Fazit: Der Seehecht darf gerne öfter beißen. Solange er seine schleimigen Kumpels (Lumb) zu Hause lässt.
Hier ein Bild von meinem Ersten. Ja, ein kleinerer und ich sehe stark nach Drogenkonsum aus… aber es war eben der Erste. Nach dem Ersten Mal hat doch jeder einen Blick zwischen „Geil, Was war das, Wo bin ich und Warum ists schon vorbei“
