Guten Morgen zusammen!
Verzeiht meine kurze Abwesenheit, aber irgendwie waren die Tage hier prall gefüllt mit Scheitern, Naturkatastrophen im Kleinformat und spazierengehenden Füßen.
Wir waren also vor-vorgestern (herrje, ist das lange her, gefühlt war da noch das Pleistozän) bei Haugesund im Wikingerdorf. Das war durchaus interessant, allerdings erstaunlich kompakt gebaut. Kein Vergleich mit Haithabu oder ähnlichen Kalibern, wo man tagelang durch den Matsch stiefeln kann. Angeschlossen an das Dorf ist ein Museum über die lokalen Wikinger bzw. deren Könige bis hin zur Christianisierung – professionell begleitet vom deutschen Audio-Guide. Ein absolut empfehlenswerter Ausflug, falls ihr wegen fiesem Schlechtwetter nicht raus zum Angeln könnt und die Familie spontan bespaßt werden muss.
Danach fuhren wir nach Haugesund Downtown. Es ist immer wieder erstaunlich, wie absolut menschenleer eine eigentlich so nette, hübsche Innenstadt sein kann. Es hatte etwas von I Am Legend, nur eben mit Fjorden. Eine sehr hübsche Fußgängerzone jedenfalls und ein herrlich skurriler Antiquitätenladen. Ausgestopfte, tanzende Mäuse, Bildbände über die verrücktesten Dinge der Menschheitsgeschichte, Räucherstäbchen, okkulter Kram – wirklich extrem amüsant.

Aber das war’s dann auch schon mit der großen Metropolen-Sensation.
Wir fuhren heimwärts und versuchten unser Glück noch beim Uferangeln in Stord. Ergebnis: So erfolgreich wie ein Versuch, mit einem Schnürsenkel einen Hubschrauber abzuschleppen. Nix. Und so war der Tag dann auch harmonisch beendet.
Vorgestern war dann endlich Angelwetter! Wind aus Nord mit lauschigen 3 Bft. Zuerst fuhren wir zur Untiefenstange und wollten ein paar Makrelen stippen. Nix da. Die Makrelen hatten offenbar Betriebsausflug. Auch an den Kanten erbarmten sich nur drei Mitleids-Pollacks. Zum Glück hatten wir noch drei vorgefrorene Köder-Makrelen in der Kühlung und so ging es direkt weiter zum Grundangeln an einen prinzipiell geeigneten Spot. Etwas flacher, so bis maximal 85 Meter.
Ich hielt inne und blickte auf den vor uns liegenden fjord: Hat hier eigentlich irgendwer ein Memo rausgeschickt? Haben die Norweger es sich zur nationalen Lebensaufgabe gemacht, auf dieser Meeresfläche wirklich nicht einen einzigen Quadratmeter frei zu lassen? Der gesamte Fjord ist hier flächendeckend zugepflastert mit Langleinen, Netzen und Reusen. Das ist kein Fjord mehr, das ist ein Unterwasser-Sperrgebiet mit Maschendrahtzaun. Fehlt nur noch ein Klingelschild für die Fische.
By the way: Die Möwen hier! Die sind deutlich dreister, als wir es aus vergangenen Jahren gewohnt sind. Nicht nur, dass Köder bereits im Flug attackiert werden – uns wurde bei der Makrelen-Schnitzerei tatsächlich ein Fisch direkt vom Boot geklaut!
Hasepups erklärte sich daraufhin mit feierlichem Ernst zur offiziellen Möwen-Wache. Sie tanzte schreiend, fuchtelnd und wild gestikulierend wie eine besessene Schamanin übers Boot, um die gefiederten Brotdiebe auf Distanz zu halten. Ein Bild für die Götter.

Zumindest gab es auf dieser Drift ein paar Bisse. Sehr, sehr zögerlich. Vermutlich eher die Jugendfeuerwehr der Fischwelt wegen der geringen Tiefe. Hasepups landete allerdings sehr zügig einen Seehecht. Und ich dachte kurz ergriffen: „Endlich! Kein toter Grund! Es gibt ihn noch, den Fisch! Und sogar meinen absoluten Zielfisch!“

Nächste Drift. Gerade erst heruntergelassen, schlug Hasepups schon wieder an und ging in den Drill.

Dieses Mal ein Leng. Kein Tiefsee-Monster, aber wunderbar verwertbar.

Auch bei mir zuppelte es zaghaft an der Rute. Anschlag, sitzt, Drill... Dorsch! Gut, nicht der erhoffte Seehecht, auch nur zärtliche Küchengröße, aber schön!
Noch mal neu angesetzt. Wieder Biss bei Hasepups! Zwei Anhiebe gingen ins Leere, der dritte saß bombenfest – noch ein Küchenleng. Mein Mann hatte bis dahin exakt gar nichts, saß da wie das Bildnis des Jammers und war dezent resigniert.
Ich hatte derweil wieder einen Biss. 10 Meter über Grund. War das etwa mein ersehnter Seehecht? Es zuppelte, zaghaft, kaum zu sehen, aber da war definitiv Leben am Haken! Anhiebs-Impuls, hängt! Kurzes, freudiges Kurbeln – Seelachs. Nun ja.
Mein Mann wollte nicht mehr. Wir dümpelten da ja schließlich auch schon seit schlappen vier Stunden herum. Die letzte Drift über diesen Spot brachte rein gar nichts mehr und über zwei weiteren tiefen Stellen passierte ebenfalls: gähnende Leere.
Dann eben wieder die bewährte Methode: Pollack! Pollack ist schließlich immer eine Bank! Aber auch hier an den diversen Uferlinien: absolut nichts. Woran das nun wieder lag?! Mysteriöse Mondkonstellation? Falschen Windrichtung? Oder gar verfrühter Pollenflug auf dem Atlantik? Jedenfalls war das Wasser heute deutlich klarer als die letzten Tage.
Wir fuhren also heim und verarbeiteten die Ausbeute. Der nächste Tag sollte ja wettertechnisch ebenso gut werden: 2 bis 3 Bft, in Böen 4, später 5. Das Meer sollte sich bis dahin auch beruhigt haben. Soweit die Theorie der Wetter-App.
......
Also kommen wir schlussendlich zum gestrigen Tag. Gutes Angelwetter – dachten wir. Seichte See – dachte ich. NÖ!
Wir bogen Richtung offenes Meer ab und... NÖ! Einfach nur NÖ! Fettes Nö auf ganzer Linie! Altdünung aus West, gepaart mit kabbeligen Windwellen aus Süd. Vielleicht werde ich einfach alt, spießig und ängstlich, aber das will ich mir nicht mehr geben. Ich musste meine Mitangler anflehen umzudrehen, denn für die zwei schmerzfreien Herrschaften war die Welt da draußen noch vollkommen in Ordnung. Für mich leider nicht. Sie hatten Erbarmen und schließlich ein Einsehen. Angeln wäre für mich ohnehin völlig undenkbar gewesen – so mit den Fingern tief in die bank eingekrallt, blutleeren weißen Knöcheln und fest verschlossenen Augen...
Also drehten wir ab und fuhren in die Schären. Und dort wieder: nix. Naja, was heißt "nix", aber eben zu wenig, um es ernsthaft einen erfolgreichen Angeltag zu nennen.
Die Wassertemperatur war klammheimlich von 14,4 auf 13,6 Grad abgefallen. Es biss kaum was. Wir kratzten uns in zähen vier Stunden mühsam vier Pollacks zusammen.
Grundangeln brachte ebenfalls genau gar nichts. Kein Zuppen, kein Zupfen, kein Biss – dafür eine rasend schnelle Drift, bei der selbst stramme 600 Gramm Blei noch eine beachtliche Schräglage wie eine Segelyacht bei Windstärke 8 hatten. Von wegen 3 Bft... am arsch 3 bft. Yr.no , du kannst mich mal.
Wir fuhren ziemlich resigniert wieder rein, machten Frustessen mit Kuchen und schließlich hatte Hasepups uns erfolgreich totgequatscht, zum Wandern auf den Siggjo zu fahren. 400 und noch was quälende Höhenmeter.
Da ungefähr so....

Irgendwelche armen nepalesischen Sherpas mussten dort vor einigen Jahren steinerne Treppenwege den Berg hoch veglegen.

Und jetzt haltet euch fest: Während wir da asthmatisch hechelnd, mit knallrotem Kopf, brennenden Oberschenkeln und nahe dem spontanen Organversagen Treppe für Treppe hochkrauchten wie in einer ungeschnittenen Szene aus The Walking Dead...
JOGGEN die Norweger diesen Kackberg hoch!
Ich stand da, stützte mich auf meine Knie und glotzte ungläubig in den Wald. Zur Erinnerung: Joggen ist dieses rennähnliche Fortbewegen aus freien Stücken! Völlig selbstverständlich rennt der Einheimische hier mal eben nach Feierabend auf den höchsten Felsen der gesamten Region. Als wär’s der Weg zum Altglascontainer. Ja, ne... is klar! Die spinnen doch, die Wikinger! Was stimmen denn da für Synapsen nicht?!
Aber gut... der Ausblick oben war, das muss man neidlos anerkennen, wirklich grandios!



Der Abstieg war knietechnisch allerdings noch um einiges schmerzvoller und wir wussten bereits auf der Hälfte des Weges ganz genau, welch epischen Muskelkater des Grauens wir am nächsten Tag zu erwarten hatten.
Völlig fertig, aber immerhin mit einem verdammt guten Gewissen, kauften wir uns auf dem Rückweg fette TK-Pizzen und krochen später völlig entkräftet ins Bett.
Auch heute ist wieder reichlich Wind. Die Hoffnung, dass in diesem Urlaub noch was absolut Nennenswertes beim Angeln passiert, habe ich ehrlicherweise tief begraben.
Aber gut... wir werden sehen, was die verbleibende Zeit bringt!