Na endlich ist der Pollack dran !
Er ist seit Jahren unser unangefochtener Hauptzielfisch. Warum? Weil er der Einzige ist, der verstanden hat, dass Angeln eigentlich Kampfsport ist. Ein Pollack am leichten Spinngerät ist kein Drill, das ist ein Adrenalin-Einlauf. Er steigt ein wie ein D-Zug, reißt Schnur von der Rolle, als gäbe es kein Morgen, und liefert einen Fight, bei dem man sich fragt: "Habe ich da einen Fisch am Haken oder ein wütendes U-Boot?"
Es gibt allerdings ein Trauma, das wir kollektiv verarbeiten müssen: Die magische Meter-Marke. Es ist wie verhext. Wir fangen Granaten, Fische, die so breit sind wie ein Oberschenkel. 96 cm. 98 cm. 99,9978 cm. Aber der verdammte Meter? Fehlanzeige. Ich habe den Verdacht, die Biester haben unter Wasser Zollstöcke dabei und hören ab 99 Zentimetern aus reiner Boshaftigkeit auf zu wachsen, nur um uns in den Wahnsinn zu treiben. Aber wir geben nicht auf. Irgendwann fällt die Marke. Bestimmt - und in Flatanger soll es ja sogar welche über 115cm geben. Im April fällt der Meter!
Dass die besten Methoden oft aus purer Not – oder in meinem Fall aus akuter Faulheit – geboren werden, beweist die Geschichte meines Profilbildes:
2013, Flatanger (Smavaeret): Der Angeltag neigte sich dem Ende, die Arme waren lang, die Augenlider schwer. Ich war mit der "Generation Eisenrücken" (Vater & Opa) auf dem Boot. Deren Devise: "Viel hilft viel." 100 Meter Wassertiefe - Flacher stehen die Fische ja nicht. 500-Gramm-Pilker - glaub das war damals deren leichtester Pilker. Rauf, runter, rauf, runter. Schwerstarbeit.
Ich hatte darauf so viel Lust wie auf eine Wurzelbehandlung. Ich wollte eigentlich lieber pennen. Also entwickelte ich die taktische Alibi-Strategie: Ich montierte einen winzigen 7,5cm Kopyto Shad an einem lächerlichen 50g-Kopf. Genialer Plan: Bis dieser Winzling die 100 Meter erreicht, haben die anderen ihren Eisenwarenladen schon zwanzigmal hochgekurbelt. Und solange der Köder sinkt, kann ich schlafen, ohne dass jemand meckert.
Natürlich kam der Köder nie unten an. Nach gefühlt 20 oder 30 Metern verließ mich die Motivation endgültig, und ich ließ das Ding einfach im Mittelwasser baumeln. Irgendwann gaben auch die Pilker-Veteranen auf und kurbelten ihre Anker hoch. Jetzt musste ich schauspielern. Um meine Angelpause nicht auffliegen zu lassen, kurbelte ich in Zeitlupe. So langsam, dass es fast im Rückwärtsgang war.
Und dann passierte es. Einschlag. Kein Zupfen, kein Rucken. Die Rute war sofort krumm bis ins Handteil. Was folgte? "Defintiv ein Hänger" rief der Älteste. Nun ja, musst kurz erklären dass ich 70m über Grund bin, und als die Schnur dann wegging war es "Definitv ein Seelachs". Doch als der Fisch an die Oberfläche kam, wurden die Augen an Bord so groß wie Suppenteller. Allerdings war es bei allen immer noch ein Seelachs. Ich war damals der Kleine, der mit den Erfahrenden mitdurfte und fragte vorsichtig ob das nicht eher ein Pollack ist? "Nein, Pollacks werden nicht so groß!". Ein paar Minuten später war die Verwunderung noch größer - "Das ist wirklich ein Pollack"
Länge: 98 cm (ja, der Fluch der 2 fehlenden Zentimeter zum Meter - oder vielleicht haben wir falsch gemessen?)
Gewicht: 10 kg
Taktik: Extreme Faulheit gepaart mit Zeitlupe.
Seit diesem Abend wissen wir es besser. Langsame Köderführung mit leichtem Gerät ist der Schlüssel – und Pollacks können verdammt groß werden, auch wenn die Generation "Schwerlastkran" es nicht glauben wollte.
Unsere Waffe der Wahl sind seitdem also kleinere Köder - vor allem die SG Sandaale. 42 Gramm, 65 Gramm. Wenn die Pollacks im Fressrausch sind, ist ihnen die Farbe so egal wie einem hungrigen Studenten der Belag auf der Pizza. Da wird inhaliert, was zuckt. An "normalen" Tagen greifen wir in die Kiste: Mal ganz natürlich, mal so ein richtig aufdringliches Pink ("Barbie auf Koks"). Irgendwas geht immer.
So ungestüm der Pollack im Drill ist, so zickig ist er bei der Standortwahl. Er ist extrem standorttreu und gleichzeitig so strömungsabhängig, dass man die Uhr danach stellen kann. Wir hatten Driften, da dachten wir, dort ist mehr Fisch als Wasser. Zwei Boote, auflaufendes Wasser, jeder Wurf ein Treffer. Rute krumm, Bremse schreit, totale Eskalation über mehrere Driften hinweg. Dann dreht die Strömung, die Drift versetzt sich um lächerliche 15 Grad – exakt dieselbe Stelle, nur eine halbe Stunde später: Totenstille. Als hätte jemand unter Wasser das Licht ausgemacht.
Dass der Pollack ein Jäger ist, wussten wir. Aber dass er auch Ambitionen als Flieger hat, war neu. Sven hat es ja schon ähnlich erzählt: Der Sandaal baumelt gelangweilt neben dem Boot, gute 20 Zentimeter über der Wasseroberfläche, während man gerade mit dem Kumpel schnackt. Plötzlich schießt ein Pollack wie eine Rakete aus dem Wasser, pflückt sich den Köder aus der Luft und hängt! Wir standen da wie die Ölgötzen. Zum Glück war es ein kleinerer Kamikaze-Pilot, den wir landen konnten. Seitdem schauen wir beim Köder-Einholen immer misstrauisch nach oben.
Und zum Schluss noch ein Wort zur Küche. Es gibt ja so manchen ausgewanderten Deutschen in Norwegen, der behauptet, Pollack sei "geschmacklos". Aber wer jahrelang selbstgebrautes Bier mit ca. 20-40% trinkt, dessen Geschmacksknospen sind vielleicht im Streik und merken in keinem Fisch mehr Geschmack


. Aber im Ernst: Für uns ist der Pollack ein Gedicht. Egal ob klassisch in der Pfanne oder als Sashimi.
Also: Haltet die Ruten fest, kurbelt langsam (oder schlaft dabei ein) – Tight Lines ! Der Pollack kommt!