Die Ostsee kämpft um das Überleben: Kann man ein Meer reparieren?

nilemann11

Stammnaffe
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Des Pudels Kern in Deutschland: "Die Berater diagnostizierten ein schwer gestörtes Vertrauensverhältnis der Teilnehmenden gegenüber Politik und Ministerium."
 
Ich sitze bzw. wohne seit fast 6 Jahren exakt an so einer Todeszone an der Ostsee. Direkt am kleinen Belt vor der Insel Als. 2019 und 2020 konnte ich noch mit einem Nachbarn hier (der kennt die Plätze) schöne Dorsche fangen. Dann, in 2021 auf 22 schlagartig nichts mehr. Nur noch kleine Dorsche. Dann kam das komplette Dorschangelverbot.
Wenn ich mir aber anschaue, was die Bauern in der Umgebung mit Ihren Schweinemastbetrieben jährlich auf den Feldern verteilen, dann wundert einen das nicht mehr. Irgendwann ist es einfach zu viel und dann kippt so ein System. Was aber seltsam ist, dass kleine Dorsche in Massen da sind, auch Plattfische werden immer mehr. Vielleicht liegt es einfach an der totalen Überfischung mit den Schleppnetzen, die den ganzen Meeresboden zerstören. Wenn die Fischtrawler mit Ihren Netzten durchgepflügt sind, dann war das Meer danach bedeckt mit abgerissenen Pflanzen. Und die fehlen dann natürlich. Da nützt ein Nationalpark oder ein Fangverbot für den Hobbyangler rein gar nichts. Die Angler haben den Meeresboden nicht zerstört, mit Ihren Gummifischen.
Hier im kleinen Belt haben Sie mir riesigem Aufwand die letzten Jahre künstliche Steinriffe aufgeschüttet. Hab vor kurzem von einem Taucher hier vor Ort gehört, dass dort alles Tod ist und es nichts gebracht hat. Traurig.
 
Das ist absolut richtig. Ich habe vor kurzem eine Doku über Umschulprogramme ehemaliger Berufsfischer gesehen. Das war sehr interessant. Obwohl es immer weniger Fischer gibt erholen sich die Bestände nicht. Es gibt zwar noch Dorsch und Plattfischbestände, die aber mehr und mehr verbuttern. Ich stell hier mal einen Link dazu rein. Nebenbei finden sich auf den Seiten des Thünen Instituts auch viele Infos über die Fischbestände in Norwegen.


Beste Grüße Jens.
 
Ist schon interessant, dass ich zum Thema "Dorschrückgang" nie einen Bericht oder Studie gesehen habe, in der mal die Auswirkung beleuchtet wurden, was für Auswirkungen es hat, wenn die Berufsfische mit Ihren Schleppnetzen hauptsächlich die fetten Leichdorsche voll mit Rogen abgefischt haben.
Der Rogen war ja mehr wert als das Dorschfleisch. Und jetzt wundern sich alle, warum es keine großen Dorsche mehr gibt und die Fische "verbutten".
Und krampfhaft wird versucht, die Schuld woanders zu suchen.
 
Hat nicht schon jemand den Verdacht geäußert dass der ungenügende Salzwasser Austausch einer der Hauptgründe vom Dorschrückgang ist.

Dänemark hat mit dem Bau der Öresundbrücke riesige Dämme Quer zur Flies Richtung gebaut. Allein die mit dem Tunnelmaterial neu gebaute Insel Peberholm ist 4 km lang.

Bei der Storebælt Brücke kommen noch mal die Auffahrtrampen hinzu.

Keiner traut sich das anzusprechen, weil das nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Gruß Anton
 
Hat nicht schon jemand den Verdacht geäußert dass der ungenügende Salzwasser Austausch einer der Hauptgründe vom Dorschrückgang ist.

Dänemark hat mit dem Bau der Öresundbrücke riesige Dämme Quer zur Flies Richtung gebaut. Allein die mit dem Tunnelmaterial neu gebaute Insel Peberholm ist 4 km lang.

Bei der Storebælt Brücke kommen noch mal die Auffahrtrampen hinzu.

Keiner traut sich das anzusprechen, weil das nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Gruß Anton
Es gab mal einen Bericht das sich unter der Brücke und an den Brückenpfeilern ein wertvolles Ökosystem gebildet hat,
das wurde von Kjell Andersson publiziert der erst ein Kritiker des Projektes war.
Habe damals Bilder gesehen von Brückenpfeiler voll mit Muscheln, Seesterne etc. und jede Menge Fische dazwischen, auch Dorsche.
Es ist wohl auch so, dass es in der Nähe der Brücke keine Berufsfischerei gibt / geben darf.
Auch der Wasseraustausch war vor Brückenbau bereits Thema im Umweltgutachten.

Ich kann jetzt nicht beurteilen wie weit die Brücke den Wasseraustausch behindert,
Fakt ist aber das weiter nördlich zwischen Helsingborg - Helsingör die schmalste Stelle ist
und das weiter nördlich im Kattegat der Dorschbestand ebenfalls gelitten hat, da ist weit und breit keine Brücke.
 
….
Der Rogen war ja mehr wert als das Dorschfleisch. Und jetzt wundern sich alle, warum es keine großen Dorsche mehr gibt und die Fische "verbutten".
Und krampfhaft wird versucht, die Schuld woanders zu suchen.

….genau diese Haltung finde ich ziemlich ungünstig.
Für mich macht es durchaus Sinn die Ursache am Rückgang der Dorschbestände nicht nur an einer möglichen Überfischung von Laichfischen zu suchen.
Die Ursachen sind möglicherweise komplex.
“Verbuttung” geht normalerweise mit nicht ausreichendem Nahrungsangebot einher.

Wie steht’ s um die Herings- und Sprottenbestände der Ostsee?

Gruss
Smolt
 
….genau diese Haltung finde ich ziemlich ungünstig.
Für mich macht es durchaus Sinn die Ursache am Rückgang der Dorschbestände nicht nur an einer möglichen Überfischung von Laichfischen zu suchen.
Die Ursachen sind möglicherweise komplex.
“Verbuttung” geht normalerweise mit nicht ausreichendem Nahrungsangebot einher.

Wie steht’ s um die Herings- und Sprottenbestände der Ostsee?

Gruss
Smolt

Naja, mit dem Begriff Verbuttung würde ich jetzt mal vorsichtig sein...
Ob jetzt eine Verbuttung im klassischen Sinne vorliegt wage ich zu bezweifeln.

So riesig ist jetzt der für die Dorschfischerei interessante Bereich der Ostsee auch nicht. Dazu extrem strukturarm. Wenn jetzt Jahr für Jahr die großen Fische abgeschöpft werden, der Bestand immer kleiner wird und durch äußere Einflüsse der Nachwuchs es immer schwerer hat hochzukommen ist das einfach ein Teufelskreis. Schleppnetzfischer, Fischer und auch Angler haben da trotzdem gut abgeschöpft.

Man kann es anscheinend recht gut mit den Zanderbeständen in hiesigen Baggerseen vergleichen:
- hohe Wassertemperaturen im Sommer -> Fressen wird eingestellt
- Überdüngung, Algenwachstum -> Sauerstoffmangel -> hohe Mortalität des Nachwuchs
- Überfischung
da wachsen die Fische einfach langsamer nach (Fresspausen), die adulten Fische werden entnommen und irgendwann fehlt die Gesamtbiomasse.
Wenn jetzt in der Ostsee das Wasser noch "zu süß" ist und der Meeresboden umgegraben wird machts das nicht besser. Dazu noch der Fraßdruck durch Kormoran etc, bei dem die Fische in der relativ strukturarmen Badewanne keine wirkliche Chance haben...
Wenn die äußeren Bedingungen nicht passen das der Fisch fressen und diese Energie auch in Wachstum umsetzen kann ist es egal wie viel Futter rumschwimmt. Da macht auch ein guter Genpol keinen Unterschied

Dem Dorsch geht es ja sogar in Norwegen vom Süden bis in den hohen Norden hinauf immer schlechter, bei genügend Struktur, Futter und Strömung.
Lange geht es nicht mehr gut dem Dorsch in immer nördlichere Gefilde zu folgen, wenn man schon auf Höhe Tromso die Auswirkungen zu spüren bekommt (was nicht heißt das es keinen Fisch mehr gibt).

Das Thema Dorsch ist da ja auch groß, in der Ostsee mit den schlechten äußeren Umständen anscheinend tödlich.
 
Ja, ich denke auch dass man vielleicht nicht unbedingt von “Verbuttung” sprechen kann.
Hab’s nur mal aufgegriffen, weil der Begriff hier regelmäßig gebracht wurde.

Dass die Dorsche in der Ostsee zeitiger (mit geringerer Größe) geschlechtsreif werden wurde zwar schon festgestellt, trotzdem liegt da noch genügend genetisches Potenzial im Bestand, so dass sich Fische richtig fett fressen, gross abwachsen und genügend Nachwuchs produzieren könnten, wenn sie denn genügend Nahrung finden würden und sonstige Umweltparamter passen.
Die fischereiliche Sterblichkeit ist ja nun scheinbar nicht mehr besonders hoch, dafür gibts heutzutage eher Druck von Predatoren.

Gruss
Smolt
 
Also nur an der vermutlich fehlenden Nahrung kann es bei uns im Kleinen Belt nicht liegen. Auf dem Echolot sind riesige Schwärme von Wittlingen zu sehen, die Plattfische vermehren sich gewaltig, Krebse gibt es auch genug und zuletzt haben wir an allen uns bekannten, guten Dorschstellen nur noch Unmengen von Kleindorschen gefangen (20-40cm).
Neben der Verschmutzung, dem Kormoran usw. bin ich der Meinung, dass die Jahrzehnte lange Überfischung der großen Leichdorsche vor dem Ableichen einen erheblichen Einfluss auf deren Rückgang hat. Das würde auch dafür sprechen, dass die Fische bereits früher und bei kleinerer Größe geschlechtsreif werden und ableichen. Die Natur passt sich da einfach an.
In Holland werden viele der Großen Räuber von den Anglern wieder zurückgesetzt und deshalb gibt es die großen dort noch. In vielen schwedischen Gewässern dibt es genau aus diesem Grund ein Größenentnahmefenster. Zu Deutsch, die kleinen und die ganz großen müssen zurückgesetzt werden, um den Bestand an Großfischen zu erhalten. Das machen die nicht ohne Grund.
 
Ein Onkel, der die Nachkriegszeit erlebt hat, hat immer erzählt, dass es nach dem 2, Weltkrieg sehr viel guten Fisch in der Ostsee gab. Damals gab es nicht so viele Fischer und natürlich war die Fischerei auch noch nicht so "modern" wie jetzt. Würde man m. E. jegliche Fischerei in der Ostsee ab sofort einstellen, würde man die Ergebnisse schnell merken. Allerdings ist der Ostseeboden über Jahrzehnte durchgepflügt und die Fischerei hat ganze Arbeit geleistet, die Ostsee tot zu kriegen.

Ich zweifle hauptsächlich daran, dass alle Anrainerstaaten der Ostsee sich einig werden können, dass niemand mehr irgendetwas fischt.
 
Also nur an der vermutlich fehlenden Nahrung kann es bei uns im Kleinen Belt nicht liegen. …..

Dass es nur an vermutlich fehlender Nahrung liegt, ist genauso fraglich, wie die Behauptung dass es nur daran liegt das zu viel Laichfische weggefangen wurden/werden. Wenn natürlich zuwenig Fische Ablaichen, werden immer zu viele weggefangen.
Interessant ist die Tatsache, das man jetzt scheinbar jede Menge kleine Dorsche sieht, sie jedoch scheinbar kaum in bedeutenden Stückzahlen zur Laichgrösse abwachsen (oder nur sehr langsam).
Woran liegt‘s?
Wenn ich‘s jetzt richtig mitbekommen habe, ist der Befischungsdruck in den letzten Jahren erheblich reduziert.
Ob man aus der Beobachtung, dass sich Plattfische und Wittlinge gewaltig vermehren, schließen kann das die Dorsche genug Nahrung haben, bezweifele ich etwas.
Die Ostsee ist ein komplexes Ökosystem, wie woanders auch, geht ein starker Bestand der einen Fischart, genauso wie ein schwacher Bestand meist auf Kosten anderer Arten.
Entweder fressen sie sich die Nahrung weg, fressen sich gegenseitig oder sind als Nahrung nicht mehr verfügbar.

Deshalb noch mal die Frage, wie sieht’s mit dem Sprotten- und Heringen aus, die bei grössere Dorschen normalerweise einen Großteil der Nahrung ausmachen?

Ein Entnahmefenster für Dorsch halte ich für die Berufsfischerei etwas schwierig durchführbar. Hier müssten dann nochmal ganz neue Fangmethode/-Geräte eingeführt werden.
Kann man bei der Angelfischerei evtl. machen, ob‘s im Falle der Ostsee und in diesem Falle bei der Fischart „Dorsch“ tatsächlich Sinn macht, bin ich etwas unsicher.

Gruss
Smolt
 
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