Erlebnis Natur: Seeadler

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Nordlicht
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Nicht direkt ein Bewohner der Unterwasserwelt Norwegens, aber doch auch wiederum nicht komplett aus dem Zusammmenhang. Eine kleine Reportage über den König der norwegischen Küste. Alle Fotos aufgenommen in Flatanger/Mittelnorwegen. Text und Fotos Sven Gust.

Der deutsche Wappenvogel war einst in Europa nahezu ausgerottet. In Deutschland war er praktisch ausgestorben und lediglich in Skandinavien gab es Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts noch mehr oder weniger stabile lokale Bestände des majestätischen Seeadlers (Haliaeetus albicilla).
Doch massive Bemühungen und Schutzmaßnahmen in den letzten 40 Jahren haben dazu geführt das sich der Greif heute wieder bei uns angesiedelt hat. Nach wie vor sind jedoch die größten Populationen entlang der norwegischen Küste zu finden. Sven Gust ist ihnen mit der Kamera auf der Spur gewesen.
Ein Schwarm Makrelen ist auf Beutezug. Es sind keine Heringe oder Sprotten auf die sie heute Jagd machen, sondern Plankton. Die Fische schwimmen in einem engen Kreis, sperren dabei die Mäuler weit auf und filtern mit ihren Reusenkiemen die kleine Lebewesen aus dem Wasser. Der Tornado aus Makrelen befindet sich nur wenige Zentimeter unterhalb der Wasseroberfläche. Das Geschehen bleibt nicht lange unbemerkt. Die Möwen scheinen jedoch zu erkennen, dass sie chancenlos gegenüber solch großer und flinker Beute sind. Aber ein Seeadler hat auf einem Felsen einige hundert Meter entfernt Posten bezogen und startet mit zwei, drei kräftigen Flügelschlägen, um sich anschließend dicht über der Wasseroberfläche dahingleitend den Fischen zu nähern. Unmittelbar vor dem Schwarm reißt er blitzschnell die Krallen nach vorn und greift sich im Überflug eine wild zappelnde Makrele. Das Wasser explodiert förmlich als die verbliebenen Fische vor dem schwarzen Schatten in die Tiefe fliehen. Doch der Adler hält seine Beute sicher in den messerscharfen Krallen und setzt sich kaum einhundert Meter entfernt auf einer Schäre nieder.
Der Sommer ist für den Seeadler eine Zeit des Überflusses, in der vor allem Fische und unerfahrene Jungvögel seinen Speiseplan ausmachen. Mit seinen Adleraugen wird potenzielle Beute aus großer Entfernung ausgemacht und teils in senkrechtem Sturzflug, oder auch in flachem Gleitflug angesteuert. Ist die Beute erst einmal mit den scharfen Krallen gepackt, so gibt es für sie nur sehr selten ein entkommen. Allerdings verlaufen dennoch die wenigsten Attacken erfolgreich für den Adler, da die Beute es häufig genug schafft zu flüchten.
Die Zusammensetzung der Nahrung variiert regional stark. Häufig sind es mehr als 50 Prozent Fisch, die auf dem Speiseplan stehen. Beispielsweise auf den Lofoten leben Seeadler in der Nähe von Seevogelkolonien. Hier erbeuten sie dann gezielt Papageitaucher. In Schleswig-Holstein haben Seeadler herausgefunden das Kormoran-Nestlinge leichte Beute sind. Da die Kormoranbestände in den letzten Jahren teils massiv zugenommen haben und für bestimmte Gewässer zu einem ernsten Problem geworden sind, machen sich die Greife deshalb bei Anglern und Fischern sehr beliebt.
Im Winter ernähren sich die Adler verstärkt von Aas und Wasservögeln. Im Vergleich zu Habicht und manchen Falken wirken Seeadler zwar wenig draufgängerisch, jedoch können sie durchaus sogar Graureiher und Wildgänse im Flug schlagen.
Seeadler leben in festen Paarbindungen. und verteidigen gemeinsam ein Revier. Dennoch scheinen sie verhältnismäßig friedlich und tolerant zu sein. Besonders im Winter finden sich häufig viele Vögel auf engem Raum, die höchstens einmal aneinander geraten wenn es um leichte Beute geht.
Nester werden auf hohen Bäumen angelegt, entlang der nordeuropäischen Küsten jedoch häufig auch an Felswänden mangels geeigneter Nistbäume. Die Nester bestehen aus Zweigen und Astwerk und werden nicht selten über Jahrzehnte genutzt und ausgebaut und können einen Durchmesser von bis zu zwei Metern erlangen und dabei mehr als eine halbe Tonne wiegen.
Junge Seeadler sind dunkler gefärbt als Altvögel. Auch der Schnabel ist in den ersten fünf Lebensjahren noch dunkel, wird jedoch später auffallend gelb. Mit einer Spannweite von 190 bis 240 Zentimetern kann er kaum mit anderen Greifvögeln verwechselt werden. Weibchen werden größer als Männchen. Seeadler können bis zu 40 Jahre alt werden.
Die Brutzeit beginnt zumeist im März. Ein bis drei Jungen werden aufgezogen, von denen allerdings sehr häufig nur eines überlebt. Etwa einhundert Tage nach dem Schlüpfen werden die jungen Adler flügge.
In Mittel- und Teilen von Nordnorwegen sind Seeadler heute wieder ein sehr gewöhnlicher Anblick. Sie haben sich in den letzten Jahren teils stark vermehrt und genießen allgemeine Sympathie. Auch konnte ich schon Seeadler auf Island beobachten, wo es jedoch nur kleine Bestände gibt, ebenso wie im Süden Grönlands. In Schweden, Dänemark, Finnland und Russland ist der größte regelmäßig in Europa vorkommende Greifvogel ebenfalls beheimatet und in den letzten Jahren ist sein Anblick in manchen Regionen Norddeutschlands wieder recht gewöhnlich geworden.
In Russland und Asien ist der Seeadler ein Zugvogel, in Deutschland und Skandinavien jedoch zumeist das ganze Jahr über reviertreu. Junge Seeadler werden häufig auch in den Revieren der Altvögel geduldet, während geschlechtsreife Vögel ihre Reviergrenzen untereinander mitunter bis aufs Blut verteidigen.
In Nordamerika lebt der Weißkopfseeadler und im Norden des asiatischen Kontinents der Riesenseeadler. Einige andere Arten sind weltweit in den wärmeren Klimazonen zu finden. Der Madagaskarseeadler ist mit einer Spannweite von immerhin bis zu 170 Zentimetern die kleinste Seeadlerspezies. Acht Seeadlerarten gibt es weltweit. Allen gemeinsam ist die Vorliebe für Gebiete mit vielen Wasserflächen.
Natürliche Feinde hat der Seeadler eigentlich in seltenen Fällen. Der Mensch stellt für ihn die größte Bedrohung dar. Heuet ist es meistens nicht die gezielte Verfolgung die ihm zusetzt.
Das Insektizid DDT führte den großen Greifvogel in Westeuropa an den Rand der Ausrottung. Später starben viele Seeadler an Bleivergiftung, nachdem sie verendetes Wild und darin enthaltene Schrotprojektile gefressen haben. Auch Giftköder, eigentlich für Füchse und Krähen ausgelegt, werden noch immer manchem Seeadler zum Verhängnis.
Seit 2005 gilt der Seeadler offiziell als nicht mehr gefährdet, nachdem er noch um 1900 in Westeuropa durch intensive Jagd praktisch ausgerottet war und zwischen 1950 und 1970 die Bestände wegen des Insektizids DDT, welches dazu führte das die Eierschalen viel zu dünn waren und häufig beim Bebrüten zerbrachen, nochmals stark gelitten hatten.
Die massiven Schutzbemühungen zeigen heute in messbaren Zahlen das erfolgreicher Naturschutz durchaus möglich ist wenn Ziele konsequent verfolgt werden.
Es ist Winter, um genau zu sein März. Dutzende Seeadler sind von ihren Revieren in Nordnorwegen und den Fjorden weiter im Landesinneren an die Küste Mittelnorwegens gekommen um hier Nahrung zu finden. Nach Monaten der Kälte und der Nahrungsknappheit spitzen sich Konflikte um Beute nun zu.
Zusammen mit Volker Dapoz arbeiten wir mit Hochdruck an einem Projekt um Unterwasseraufnahmen von Heilbuttködern aufzunehmen. Um diese Jahreszeit muss jeder brauchbare Tag voll genutzt werden. Die Fische stehen nun tief und das Wasser ist eiskalt. Nur mit viel Mühe gelingt es uns einige Kleinköhler als Köderfische für den Deadbait zu fangen. Nachdem wir die Aufnahmen im Kasten haben probieren wir es mit den fertig montierten Ködern noch kurz auf Heilbutt, doch es bewölkt sich zunehmend und der Wind frischt auf. Wir entschließen uns den Tag zu beenden. Volker löst einen Seelachs vom Ködersystem und wirft ihn über Bord mit großem Spektakel stürzen sich mehrere Silbermöwen darauf und schleppen ihn unter wildem Gezanke davon. Eine größere Mantelmöwe packt sich den Fisch und will damit wegfliegen, doch da stürzt ein schwarzer Schatten vom Himmel den bisher wohl weder die Möwen noch wir bemerkt hatten.
Ein Seeadler stürzt sich auf die Möwe, packt sie mit den Krallen und reißt sie ein Stück mit sich. Entsetzt lässt sie den gerade erbeuteten Fisch fallen. Offenbar hat der Seeadler es nicht auf den Vogel abgesehen, sondern auf den Seelachs.
Er lässt die Möwe los, die sich schleunigst aus dem Staub macht. Auch alle anderen Möwen haben schlagartig das Interesse an dem Fisch verloren und halten sichern Abstand. Der Adler hingegen zieht einen engen Kreis und greift sich nun den Seelachs.
Das ganze Schauspiel dauert nur wenige Augenblicke. Sprachlos blicken wir dem mächtigen Greifvogel nach als er mit seiner Beute davonfliegt.
Uns jedenfalls hat der Seeadler damit gerade bewiesen, dass er der unangefochtene Herrscher der Küste ist.
 

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